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Stadtbücherei: Selbst ein Buch muss in Quarantäne

Stadtbücherei: Selbst ein Buch muss in Quarantäne

Auch Bücher müssen zu Corona-Zeiten in die Quarantäne. „Jedes Buch, das zurückgegeben wird, wartet erst einmal sieben bis zehn Tage in speziellen Regalen bis es wieder einsortiert wird“, erklärt Stephanie Kron, Leiterin der Gevelsberger Stadtbücherei in der alten Villa an der Wittener Straße, die Vorsichtsmaßnahme. Sicher ist sicher in einer unsicheren Zeit.


Als die Bibliotheken Mitte März bundesweit schließen mussten, leistete die Gevelsbergerin mit ihrem Team Pionierarbeit. Unter dem Titel „Bücherei to go“ wurde ein Abhol- und Bringsystem entwickelt, das damals beispielhaft im Land wurde. Nun, nachdem die Beschränkungen gelockert wurden, tut sich das Paradies für Bücherwürmer allerdings schwer, wieder Besucher in den Regalen stöbern zu lassen. Stephanie Kron erklärt, warum: „Unsere kunterbunte Büchervilla ist nicht dafür gebaut, sich aus dem Weg zu gehen.“ In Zeiten einer Pandemie sei das Gebäude gegenüber der Kaufland-Baustelle nicht geeignet, notwendige Vorschriften zu erfüllen.


„Sicher gibt es eine Menge Gedankenspiele, aber durch unser enges Treppenhaus ist es noch nicht einmal möglich, einen Einbahnstraßen-Verkehr zu organisieren, damit sich die Besucher aus dem Weg gehen können.“ Sicherlich frage der eine oder andere Kunde inzwischen ungeduldig nach, wann die Stadtbücherei wieder geöffnet wird, aber die meisten Menschen seien damit zufrieden, was sich das Frauen-Team ausgedacht hat, damit bei Leseratten in Zeiten der Isolation keine Langeweile aufkommt. „Wir waren zwei Tage in einer Schockstarre. Dann haben wir uns zusammengesetzt und Ideen entwickelt“, so die Büchereileiterin.


Und die Ideen sahen unter anderem so aus: Die Leser können Bücher bestellen, die dann in einer Tasche auf einem Tisch vor der Bücherei liegen und zu einem reservierten Zeitpunkt abgeholt werden können: „Wir wurden zu einer Abholbücherei auf Termin.“ Die Taschen werden – vor allen Dingen bei älteren Menschen - auch mit dem Büchertaxi bis zur Haustür gebracht. Die Leserinnen und Leser können sich Wundertüten packen lassen. „Bei Erwachsenen sind zum Beispiel Krimis gefragt, die in Urlaubsgebieten spielen. Die packen wir dann zu einem Paket zusammen“, erklärt Stephanie Kron. Oder eine Mutter ruft an und sagt: „Mein Sohn ist neun Jahre alt und mag Ritter“. Es ist keine allzu schwierige Aufgabe, in der „kunterbunten Büchervilla“ das Passende zu finden.


Hunderte von Lesern rief das Team von der Bücherei persönlich an, um sie auf das Angebot aufmerksam zu machen. An der Wittener Straße gestaltete der Förderverein eine Plakatwand, um die „Bücherei to go“ bekannt zu machen. Die Unterstützer der Bücherei stifteten auch bunte Einkaufstaschen mit einem Bild der „Raupe Nimmersatt“ darauf, um noch mehr Freude ins Leben der Leser zu bringen. „Innerhalb von nur zwei Tagen hat uns ein Kollege von der Stadtverwaltung ein Anmeldeformular für neue Leser im Internet zur Verfügung gestellt. Das hatten wir vorher nicht“, lobt Kron die Flexibilität der Stadt in Sachen Digitalisierung. Angemeldet haben sich dort nicht nur Gevelsberger, sondern sogar Menschen aus Hagen: „In den ersten Wochen, als die Pandemie uns erreichte, waren es Reis und Nudeln, mit denen sich die Menschen beschäftigten. Danach brauchten sie Literatur.“
Bei dem ganzen Homeoffice, den Kontakten über die sozialen Medien, die der Computer möglich macht, „sind die Menschen über jeden analogen Augenblick dankbar“, hat die Gevelsberger Büchereileiterin beobachtet. Und diesen analogen Moment liefert das Buch, die Zeitung oder die Zeitschrift in der Hand.


„Wir waren eigentlich nie weg“, zieht Stephanie Kron eine erste Bilanz der „Bücherei to go“ in Gevelsberg in Krisenzeiten. Das erarbeitete Konzept ist so überzeugend, dass es in vielen Städten – nicht nur in der Nachbarschaft – übernommen wurde. Der Erfolg macht glücklich. Dass das Konzept mit einer Menge Mehrarbeit verbunden ist, macht den Frauen in der Stadtbücherei weniger aus, aber: „Uns fehlen unsere Leser“. Die Bücherei sei nun einmal der Ort, an dem der 75-Jährige auf die Mutter von drei Kindern trifft und mit ihr ins Gespräch kommt.


Corona habe auch eins deutlich gemacht: „Unsere kunterbunte Büchervilla ist für eine Pandemie nicht ausgestattet.“ Nicht nur das. Eine Mutter findet keinen Platz, ihren Kinderwagen abzustellen. Menschen mit Handicap scheitern am engen Treppenhaus. „Wir alle hängen an dem Haus“, spricht Stephanie Kron für ihr Team und hält trotzdem ein Plädoyer für ein neues Domizil. Ein Umzug in das von der Stadt Anfang des Jahres erworbene Rupprecht-Haus an der Mittelstraße würde „ganz andere Perspektiven“ bieten. Und nicht nur deshalb nennt das Team von der Stadtbücherei das Gebäude „das Kaufhaus der Träume“.