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Gevelsberger Musikschule macht Fernsehen

Gevelsberger Musikschule macht Fernsehen

„Es ist ein Hunger nach Musik da“, spürt Dagmar Tewes die Gefühlslage ihrer Schülerinnen und Schüler. Die Städtische Gevelsberger Musikschule, die sie leitet, ist stärker aus der Pandemie-Pause herausgekommen als alle gedacht haben. Bei dem Bildungsprogramm „Jedem Kind ein Instrument (Jekids)“ gibt es bei den Erstklässlern 30 Prozent mehr Anmeldungen als im Vorjahr. „Wir haben auch sonst keine Abmeldungen zu beklagen. Das ist erstaunlich“, zieht Tewes Bilanz einer nicht einfachen Zeit, die hoffentlich hinter uns liegt.

Von Dezember bis Mai musste die Schule am Lindengraben für Schüler geschlossen bleiben. Der für die Musik eigentlich unverzichtbare Präsenzunterricht konnte nicht stattfinden. „Wir mussten den Mädchen und Jungen aber das Gefühl geben, dass für sie das Üben einen Sinn hat, wenn sie keine Konzerte geben oder vorspielen durften“, schildert Marius Peters, stellvertretender Musikschul-Leiter die Herausforderung, vor der er und seine Kollegen standen. Die Lösung lautete: Wir machen Fernsehen. Das ist heute in erstaunlicher Perfektion leichter zu realisieren, als noch vor einigen Jahren. Die Gevelsberger Musikschule nutzte die Internet-Plattform Youtube. „Ob-la-di, op-la-da, Life goes on“ klingt es dort. Die Beatles haben 1968 das aufmunternde Lied aufgenommen, das in Corona-Zeiten Mut machen kann: „Es kommt, wie es kommt! Das Leben geht weiter!“ 45 Jugendliche haben dafür zum Instrument gegriffen. Sie haben fleißig geübt, zuhause vor der Kamera den Titel eingespielt und in der Musikschule dann unter professionellen Bedingungen nachgespielt, damit es harmonisch klingt. Das alles wurde zu einem beeindruckenden Video inszeniert, indem der Spaß sich schnell auf die Betrachter überträgt.

„Von außen betrachtet kann man sich kaum vorstellen, wieviel Arbeit dahintersteckt. An manchen Tagen hatte ich viereckige Augen“, lacht Marius Peters. Die Musiker seien buchstäblich aus sich herausgegangen: „Sie haben vor der Kamera Späße gemacht, die sie sich auf der Bühne nie getraut hätten.“ Es war nicht das einzige Filmprojekt in Corona-Zeiten. So gab es in der Vorweihnachtszeit einen musikalischen Adventskalender. „Außerdem haben wir die Instrumente auf Youtube vorgestellt, auf denen man bei uns spielen kann.“ Eine Detektivin ging in der Gevelsberger Musikschule auf Spurensuche und nahm die einzelnen Lehrer ins Kreuzverhör. „Wir sind natürlich keine Profis. Als wir das erste Video abgedreht hatten, war es in unseren Augen viel zu langweilig. Da haben wir noch einmal von vorne angefangen“, sagt Peters.

Bis Dezember hatte die Musikschule noch versucht, denjenigen das Leben ein wenig zu verschönern, die noch mehr an den Corona-Einschränkungen litten als der musikalische Nachwuchs. „Die Gevelsberger Seniorenbeauftragte Daniela Alze hat uns geschildert, wie trostlos die Situation der Menschen in den Senioreneinrichtungen ist. Wir haben dann dort mit unseren Ensembles Konzerte gegeben. Im Grünewald-Haus an der Haßlinghauser Straße spielten unsere Trompeter im Hof, weil es keinen Raum gab, der den Hygiene-Bedingungen entsprach. Die Senioren standen an den Fenstern und hörten zu. Das war schon sehr beeindruckend, aber auch ergreifend“, schildert Dagmar Tewes die Aktion.

Seit Mai hat sich die Situation verbessert. Erst war Einzelunterricht möglich, dann durften fünf Schüler wieder gemeinsam musizieren, nun treffen sich auch wieder die Ensembles zum Proben. „Der Stellenwert der Musik ist für die Kinder und Jugendlichen ein anderer geworden“, hat Marius Peters festgestellt. Schüler, die sich früher überwinden mussten, zur Schule am Lindengraben zu gehen, würden heute sagen: „Toll, ich darf wieder zum Geigenunterricht.“ Inzwischen kommen wieder die ersten Nachfragen, ob Schülerinnen und Schüler bei Veranstaltungen Konzerteinlagen geben könnten.

Um den musikalischen Nachwuchs muss sich die Stadt eigentlich keine Sorgen machen. „Wir erreichen mit unseren unterschiedlichen Angeboten 780 Mädchen und Jungen. Da ein Teil von ihnen gleich an mehreren Kursen teilnimmt, kommen wir auf über 1000 Belegungen.“ Und für die soll es nach den Sommerferien möglichst wie in den Zeiten vor Corona weitergehen. Auch ein Tag der offenen Tür ist bereits in der Planung. „Das ist unser Plan A. Sollte sich die Pandemie-Situation nicht so entwickeln wie alle hoffen, haben wir natürlich auch einen Plan B“, so Tewes. Aber eins ist sicher: Fernsehen macht die Musikschule weiter. „Sicher wird es wieder einen Adventskalender geben“, versichert Marius Peters.

Autor: Klaus Bröking