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Statt-Rundgang: Auf den Spuren der Menschen, die Gevelsberg heute fehlen

Statt-Rundgang: Auf den Spuren der Menschen, die Gevelsberg heute fehlen

Es ist die Geschichte von Dr. Oscar Arnheim. Sonja Dehn steht vor dem ehemaligen Gevelsberger Gymnasium und blickt auf das gegenüberliegende Haus in der Neustraße. Dort praktizierte einst der Mediziner. Die Reiseleiterin in eine dunkle Vergangenheit stellt uns einen der Honoratioren von Gevelsberg vor. Arnheim sang mit dem damaligen Bürgermeister Konrad Rapphold und angesehenen Geschäftsleuten wie Robert Baltin, Adam Kemmler, Alfred Haarhaus und Feodor Rosenthal beim bewunderten Männergesangsverein Concordia. Arnheim wurde evangelisch getauft, hatte aber eine jüdische Abstammung. Das reichte den Nazis, ihn am 9. November 1938 ins KZ Sachsenhausen zu verschleppen. Nach seiner Freilassung emigrierte Dr. Oscar Arnheim nach England und später nach Südafrika. Er ist einer der Menschen, die heute in Gevelsberg fehlen.


Mit solchen Geschichten bewegt Sonja Dehn vom antifaschistischen Arbeitskreis die Menschen, wenn sie mit ihnen auf den Statt-Rundgang geht. Die Geschichte von Dr. Oscar Arnheim kennen wenige Gevelsberger, der Name Fedor Rosenthal ist dagegen zum Symbol für das Schicksal der heimischen Juden geworden. Der Kaufmann hatte sein Bekleidungsgeschäft dort, wo später Merkur und Horten, dann Rupprecht Waren angeboten haben und heute auf einem Bild die bunten Farben des Künstlers Christian Awe einen braunen Hintergrund überdecken. „Das Haus war auch Anfang des 20. Jahrhunderts Dreh- und Angelpunkt in der Stadt“, sagt Sonja Dehn.


Rosentahl hat Gevelsberg geprägt, auch menschlich. Er spendierte Kindern Festkleidung, die Kommunion oder Konfirmation feierten, damit sie einen würdigen Eintritt ins Kirchenleben haben. Die Rosentahls liehen der Stadt Geld, damit sie in der Weltwirtschaftskrise Beamte bezahlen konnte. Sie verhinderten, dass ihre Heimat im Chaos untergegangen ist. Und plötzlich stand auf ihren Schaufenstern: „Kauft nicht ein, beim Judenschwein“. Und wer doch die Rosenthals besuchte, der wurde von einem Fotografen von der anderen Seite der Mittelstraße aufgenommen und mit Bild in seinem Schaufenster angeprangert. Feodor Rosenthal wurde 1938 im KZ Sachsenhausen ermordet, seine Schwägerin Johanna 1942 im KZ Theresienstadt.


Heute fehlt vielen die Auswahl an Herrenkonfektion an der Mittelstraße. Vor dem Zweiten Weltkrieg lagen gleich zwei gegenüber der Hauptstelle der Sparkasse nebeneinander: Rath und Steinweg sowie Boucher. Beide Inhaber hatten in den Augen der Nazis nur einen Makel: Sie waren Juden. Julius Steinweg wurde noch 1944 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Die Familie Boucher konnte in die Niederlande flüchten und die Widerstandsbewegung versteckte sie dort wie Anne Frank. Herbert Boucher hat die Geschichte niedergeschrieben. „Sein Buch wurde in viele Sprachen übersetzt, nur nicht in die deutsche. Das wollte er nicht“, erzählt Sonja Dehn.
Die 31-Jährige geht mit uns zum ehemaligen Gevelsberger Krankenhaus. Sie berichtet, wie hier Sinti und Roma, aber auch behinderte Frauen zwangssterilisiert wurden, weil die Nazis die „arische Rasse“ reinhalten wollten: „Was bewegt Ärzte und Krankenschwestern dazu, einen solchen Befehl zu befolgen?“. Sonja Dehn blickt auch in die Vergangenheit des CVJM-Heimes am Stüting. Bis zu 160 Sinti und Roma wurden hier von den Nazis zwischen 1939 bis zum Kriegsende der Freiheit beraubt. Am 10. März 1943 wurden 37 Menschen vom Stüting aus ins KZ Auschwitz gebracht. Meist waren es Kinder. Nur drei Gevelsberger Roma haben die Nazi-Schrecken überlebt.


Sonja Dehn erzählt vom Gevelsberger Gymnasium, das keine jüdischen Kinder besuchen durften: „Hier mussten die Mädchen und Jungen das braune Gedankengut verinnerlichen.“ Hier wurde die Jugend verführt, wenn zum Beispiel zum Geburtstag eine Uniform der Hitler-Jugend auf dem Tisch lag. Eine Uniform aus einem Stoff, den sich die Eltern nicht leisten konnten. Es sei erschreckend gewesen, wie selbstverständlich sich die Menschen mit den Nazis identifiziert hätten: „Aber, es gab auch die Gevelsberger, die ihre Stadt über den Nationalsozialismus gestellt haben.“ Obwohl: Eine nennenswerte Widerstandsbewegung hat es an der Ennepe nicht gegeben.